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Corona als Chance für die Pflege?
Ein Erfahrungs- und Meinungsbericht

Schichtwechsel in einem Alten- und Pflegeheim am Bodensee. Luise Berger wird von einem Kollegen zur Nachtschicht abgelöst. Er fragt sie, wie es lief und sie antwortet nur: „Es war der ganz normale Wahnsinn“. Dies ist wohl ein geflügelter Satz im Pflegealltag in Deutschland. Denn das System ist marode. Vor allem jetzt, während der Corona-Pandemie, zeigen sich die Missstände in der Kranken- und Altenpflege deutlicher als lange zuvor: Fachkräftemangel, soziale Verarmung der Pflegebe­dürftigen, fehlende medizinische Ausrüstung sind nur einzelne Punkte, die sich aktuell besonders offenbaren und Pflege in den gesellschaft­lichen wie politischen Diskurs rücken. Nachhaltig, hofft Luise Berger, die mit uns ihre Erfahrungen aus dem Pflegealltag teilt.

Autorin Luise Berger

„Für mich ist sowohl das schweizer als auch das schwedische Modell vorbildlich. Ich wünsche mir auch für Deutschland Bezugspflege mit viel mehr Eigenverantwortung, einen auf weniger Klienten reduzierten Personalschlüssel und Mut zur Kompetenz der Pflegekräfte, zu der sie in ihrer Ausbildung befähigt werden.“

Der ganz normale Wahnsinn im Pflegealltag

Ich arbeite sehr gerne in meinem Beruf als Pflegefachkraft zusammen mit einem anregenden humorvollen Team. Nie ist es monoton oder unterfordernd. Es sind viele verschiedene Kompetenzen gefragt: medizinische Kenntnisse, Empathie, soziale Fähigkeiten, methodische Expertise, Geistesgegenwart.

Aber: Die Gesellschaft im Allgemeinen, vor allem jedoch Verantwortliche bspw. aus dem medizinischen Dienst der Krankenkassen, Politiker und Verwaltungsmitarbeitende aus den Gesundheitsministerien von Bund und Ländern wissen, dass wir ganz knapp an der persönlichen Belastungsgrenze arbeiten. Wir erleben eine geringe Akzeptanz und Wertschätzung, die sich auch monetär widerspiegelt, und die uns in diesem kostbaren, sehr sinngebenden und abwechslungsreichen Beruf ziemlich mürbe werden lassen. Es braucht eine Riesenportion Empathie und Engagement, um dabeizubleiben und nicht, wie ich es bei einer Vielzahl meiner Kolleg*innen im Zuge meiner beruflichen Laufbahn erleben durfte, auszusteigen.

Tag für Tag ist es eine enorme Herausforderung, gesicherte und bedarfsgerechte Versorgung vor dem Hintergrund sehr begrenzter Ressourcen zu erbringen. Ein nicht geringer Prozentsatz der Pflegekräfte arbeitet sich in die klassischen Berufskrankheiten wie Burn-Out, Stresserkrankungen, Bandscheiben-, Rücken- und Schulterprobleme hinein. Dann fallen sie krankheitsbedingt aus und der Rest der Pflegekräfte erlebt eine hohe Arbeitsverdichtung. Alte, vereinsamte, pflegeaufwendige, depressive, demente Menschen brauchen jedoch Zeit, Geduld, Zugewandtheit und viel Humor. Das empfinde ich in Zeiten der hohen Arbeitsbelastung- also eigentlich immer- als Herkulesarbeit. Entsprechend erschöpft bin ich am Ende des Tages. Ach ja, die möglichst zeitnahe und öfter aufwendige Dokumentation ist ja auch ein wichtiger Baustein, der sehr viel Zeit täglich in Anspruch nimmt und hohe Konzentration erfordert.

Es müssen sich eigentlich alle Parameter ändern, postuliert ja auch unser Gesundheitsminister. Schöne Worte, stimmungsvoll gesetzt, kommen im Pflegealltag nicht an. Und dann platzt Corona in diesen eh schon immer wieder am Horizont erkennbaren Kollaps des ganzen Systems hinein.

Corona-Wahnsinn im Pflegalltag:
Vom holprigen Start…

Zu Beginn der Pandemie arbeiteten wir im Grunde völlig normal weiter. Denn mit Mundschutz wurden wir nur rudimentär versorgt, teilweise nähten wir selbst oder wurden von Ehrenamtlichen beliefert. An Testungen war erst recht nicht zu denken, da einfach nicht auftreibbar.

Und dann kam der erste Lockdown. Die Einrichtungen wurden für den Besuch von Angehörigen geschlossen. Alte demente Menschen verstehen das nicht, andere Vereinsamte auch nicht. Wir hatten diesen „Entzug“ so gelöst, dass sich die Betreuungskräfte, welche ex ante Corona für Tagespflegegäste zuständig waren, ungemein kreativ und abwechslungsreich allen unseren Klienten widmeten. Doch wenn ich Nachtdienst hatte und mehr Zeit für Gespräche, begegnete ich sehr viel Trauer, Sorge und diffusen Ängsten von den betroffenen und einmal mehr vereinsamten Menschen. Die klare Aufklärung zur Situation, die wir verbal leisteten, trug dazu bei, die Gespräche auf Augenhöhe zu führen und in den beidseitigen Nöten von Personal und Klienten entstand teilweise große menschliche Nähe.

In der ersten Lockdown-Zeit im Frühjahr wurde nicht viel getestet, es gab schlichtweg keine Tests. Dadurch befanden sich sowohl das Personal als auch die Pflegebedürftigen und Klienten des Hauses in permanenter Sorge um eventuelle Ansteckung. Wäre das eingetroffen, was bislang zum Glück zu der Zeit nicht geschehen ist, stünde die Schließung des Hauses im Raum. Denn, ist erst einmal Personal angesteckt, verdichtet sich die Arbeitskapazität noch einmal mehr und hat im schlimmsten Fall einen „Lockdown“ für das ganze Haus zur Folge.

Klatschende Menschen waehrend Corona

…über improvisierte Lösungen in einem maroden System…

Nach der allgemeinen Lockerung im Mai 2020 bewegten wir uns zunächst weiterhin im permanenten Abwägen zwischen Öffnen und Schließen des Heimes nach außen. In den allwöchentlich stattfindenden kurzen Dienstbesprechungen berieten wir, wie wir den Infektionsschutz verbessern, bzw. der jeweiligen aktuellen Situation anpassen können. So handhaben wir es bis heute.

Nach einem Durchatmen in den Sommermonaten, stehen wir seit Herbst 2020 wieder vor neuen Herausforderungen, vor allem mit Blick auf die größere, da nun bewusstere Sorge um Ansteckung unserer meist vorerkrankten Klienten. Besuch von nahestehenden Angehörigen blieb zunächst möglich, allerdings jeweils nur eine Person und nach Temperaturkontrolle am Eingang sowie Abfragen der üblichen Parameter Adresse, Erkranken v. a. der Atmungsorgane, Außenkontakte. Seit Mitte Dezember können wir außerdem endlich die langersehnten Schnelltests anwenden. Hierfür wurde ein Zimmer, das gut zu reinigen bzw. zu desinfizieren ist, bereitgestellt. Wir Pflegekräfte werden nun regelmäßig getestet und wir sind mittlerweile im stolzen Besitz einiger FFP2-Masken. Insgesamt ist unser Haus zu Ende 2020 deutlich besser mit medizinischem Mundschutz ausgerüstet als zu Beginn der Pandemie.

…bis hin zu Ausbruch, Isolation und der Hoffnung auf den erlösenden Impfstoff.

Also gingen wir voller Hoffnung in das neue Jahr, zumal auch die Impfungen für das Pflegepersonal und die Heimbewohner*innen großspurig angekündigt wurden. Und jetzt, Anfang Januar 2021, hat es uns erwischt: Wir zählen mehrere Corona-Fälle und erleben damit nicht mehr nur eine Isolation nach außen, sondern auch innerhalb unseres Hauses dürfen die Bewohner*innen ihr Zimmer nicht mehr verlassen. Mit meinen 65 Jahren zähle ich zur Risikogruppe, weshalb mein geschätzter junger Kollege die Pflege der Corona-Patienten übernimmt, während ich mich um die „virusfreien“ Klienten kümmere. Vor ein paar Tagen sagte ein Bewohner zu mir, dass er sich wie eingesperrt fühle. Was ihm bleibe, sei nur noch der Fernseher. Ich musste schlucken und frage mich, was und wer über die Hoheit zwischen körperlichem und seelischem Leiden bestimmt. Die Corona-Patienten haben keine bis sehr geringe Symptome. Zur Impfung aufgefordert wurden wir bislang noch nicht.

So fühlen wir uns weiterhin alleingelassen mit unseren Sorgen und Nöten, mit dem Versuch zu trösten und seelischen Beistand zu leisten. Wir leben weiter mit der Intransparenz bezüglich Maßnahmen und wichtigen arbeitsbezogenen Informationen. Es bleibt uns und unseren Klienten im Wesentlichen nur der Wunsch, unbeschadet an Leib, Leben und Psyche aus dieser Pandemie herauszukommen. Und die Hoffnung, dass die Anerkennung des Einsatzes aller Pflegekräfte während Corona nicht nur aus Klatschen, sondern aus einer Grunderneuerung unseres Pflegesystems besteht.

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Im Mai 2020 waren wir, das Team von alice&britt, an einem Filmprojekt beteiligt, das der Deutsche Evangelische Verband für Altenarbeit und Pflege (DEVAP) in Auftrag gab. Viele Pflegekräfte aus ganz Deutschland beteiligten sich an dem Projekt „Wir leben Pflege“ – unter anderem auch Luise Berger.

Dem Wahnsinn entkommen: Von anderen Pflegesystemen lernen

Denn leider nimmt man Pflege im Allgemeinen nur in Krisenzeiten wahr, honoriert sie dann höflich und verspricht uns vollmundig alles Mögliche. Kaum ist die Krise vorüber, versinkt alles im vagen Land des irgendwo und Pflege bleibt der „ganz normale Wahnsinn“.

Ich wohne nahe der Schweizer Grenze und erlebe dort die Pflege als der gegenwärtigen Zeit wesentlich angepasster: Der Verantwortungsbereich ist breiter gefächert, Pflegekräfte übernehmen mitunter ärztliche Aufgaben, für die sie, wie auch wir hier in Deutschland, ausgebildet sind. Außerdem betreuen Pflegekräfte in der Schweiz weniger Klienten. Wohingegen sich eine Pflegekraft hier in Deutschland im Schnitt um 13 Pflegebedürftige kümmert, liegt der Schlüssel in der Schweiz bei vier bis max. sechs Klienten pro Fachkraft. Auch wird im Nachbarland Bezugspflege statt tätigkeitsorientierte Funktionspflege gleistet. Bezugspflege meint: auf die Bezugspersonen ausgerichtet individuelle, ganzheitliche Versorgung. Dadurch können die schweizer Kolleg*innen ihre weitreichenden Kompetenzen in Aufgaben ausüben, die hierzulande ausschließlich den Ärzten*innen vorbehalten sind. Und wenn wieder jemand fragt, wer das alles zahlen soll, dann wäre ein Blick nach Schweden sinnvoll: Hier wird Pflege aus Steuergeldern und Zuschüssen finanziert und nicht aus der Pflegekasse und dem privaten Geldbeutel meist der Angehörigen.

Forderungen für die Pflege an die Politik

Für mich ist sowohl das schweizer als auch das schwedische Modell vorbildlich. Ich wünsche mir auch für Deutschland Bezugspflege mit viel mehr Eigenverantwortung, einen auf weniger Klienten reduzierten Personalschlüssel und Mut zur Kompetenz der Pflegekräfte, zu der sie in ihrer Ausbildung befähigt werden. Die Ausbildung ist per se gut und umfangreich, daran mangelt es meines Erachtens eigentlich nicht. Ich wünsche mir nur mehr gut ausgebildete Fachkräfte verbunden mit deutlich mehr Wertschätzung von Seiten der Gesellschaft und der politischen Verantwortlichen, die sich auch in einer höheren Bezahlung widerspiegelt. Wir Pflegekräfte brauchen eine bessere Lobby und mehr nachvollziehbare Transparenz von Seiten der verantwortlich Regierenden.

Kranken- und Altenpflege sind herrliche, sinnstiftende Berufe mit sicheren Arbeitsplätzen und einer Zukunft im demografischen Wandel. Die große Verantwortung, die wir für das seelische und körperliche Befinden von Menschenleben übernehmen, sollte unsere Berufsgruppe in Wahrnehmung und Bezahlung mindestens auf Augenhöhe stellen mit den gesellschaftlich anerkannten und deutlich höher vergüteten Berufen im produzierenden Gewerbe und Dienstleistungssektor. Ich als eine engagierte und beherzte Vertreterin des Pflegeberufs erwarte, nein fordere Erneuerung. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Autorin

Luise Berger

Luise Berger liebt ihren Beruf als Altenpflegefachkraft. Sie kümmert sich um die pflegebedürftigen Menschen mit Herz und Seele. Dabei verzweifelt sie zunehmend an einem System, das ihr immer weniger Zeit für immer mehr Menschen gibt. Mit ihren 65 Jahren ist Luise offiziell Rentnerin, sie arbeitet jedoch weiterhin auf Minijob-Basis – vor allem, weil ihre Unterstützung während der Corona-Pandemie mehr denn je gebraucht wird.

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